Drive
12:21Ein namenloser Automechaniker und Teilzeit-Profifahrer (Ryan Gossling) hat ein Auge auf seine schöne Nachbarin Irene (Carey Mulligan) geworfen. Als deren Ehemann aus dem Gefängnis zurückkehrt, fühlt sich der Fahrer verpflichtet, dem jungen Ehepaar bei Seite zu stehen, als dieses von der kriminellen Vergangenheit eingeholt wird.
Refn hat sich einen Namen darin gemacht, eine harte kriminelle Männerwelt präzise und zugleich lakonisch zu porträtieren. Als sein Gesellenstück kann in dieser Hinsicht seine Pusher-Trilogie gelten. Drive wäre so gesehen sein Meisterstück. Vertraut Refn in Pusher noch weitgehend seinen Dialogen, so verschiebt er in Drive seinen Fokus eindeutig auf das Bild. Dies kann er sich erlauben, als er in Gossling einen hervorragenden Jungschauspieler gefunden hat, der die zerbrechliche Statur des weissen Unterklasse-Kids und deren niedrige Hemmschwelle zur Gewalt verbinden kann mit einer ans Underacting grenzenden Reduzierung der Gesichtsausdrücke. Die wenigen Dialogzeilen, die Gossling erhält, unterstreichen seine emotionale Unreife, die im Angesicht von Irene die Chance erhält, erwachsen zu werden. In stilistischer Hinsicht hat sich Refn um Lichtjahre nach vorne entwickelt. Ähnlich wie in von Triers Dogma–Phase (der wie Refn ebenfalls dänische Wurzeln hat) begann Refn mit Handkamera und zuckenden Bildern. Und wie von Trier ist Refn mittlerweile bei einer perfekten Bildgewaltigkeit angelangt der man zu Unrecht oberflächlichen Pathos vorgeworfen hat. Selten sah man eine perfektere Autofahrt als in der Eröffnungssequenz von Drive. Nicht umsonst erinnert diese an ein weiteres geglücktes Beispiel in diesem Genre der letzten Jahre, Collateral. Ein Film, der primär auf das Bild setzt, ist sich zunächst einmal seines eigenen Mediums bewusst. Er vertraut darauf, dass der Zuschauer sich eine emotionale Situation eines Darstellers aufgrund seiner Gesichtszüge und erst in deren Ergänzung durch ihre gesprochenen Worte erschliesst. Drive ist, anders als ein Grossteil der heutigen Filmproduktion, nicht als Hörspiel denkbar. In diesem Umstand allein läge indes noch keine Qualität des Filmes. Diese liegt eher darin, dass Refn seinen Protagonisten, einen eigentlichen Anti-Helden, aufgrund der Umstände zu einer modernen Heldenfigur werden lässt. Der Held nutzt alle seine (männlichen) Möglichkeiten um sein selbstgewähltes – und unerreichbares – (weibliches) Schutzobjekt vor weiterem Schaden zu bewahren, und dies selbst, wenn ihn dies dazu verdammt, seinen Nebenbuhler zu unterstützten. In sofern gewinnt Drive ein geradezu altmodisch romantisches Moment, indem sich der Protagonist einer unerreichbaren Vorstellung zu Liebe opfert. Interessanterweise ist dies Antrieb, welcher dem modernen Actionhelden vollkommen fehlt. Jack Bauer kämpft nur, um etwas zu verteidigen, dass er schon zu besitzen glaubt, ebenso John McLaine, wenn seine Frau im Nakamichi Tower von Terroristen gefangen gehalten wird. Weibliche Actionhelden bedürfen eines amourösen Antriebes schon gar nicht (Lara Croft, Hunger Games). Von daher ist es vielleicht zwangsläufig dass dieser Held, altmodisch und irgendwie uncool in seiner unerreichbaren Ziellosigkeit, namenlos bleiben muss.

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