Scarface

10:26

1983. Ich gebe zu, ab und zu dem Phänomem von Bestenlisten erlegen zu sein. Es ist schon von einigem Interessen, welche Subgruppen unser auch so pluralistischen Gesellschaft welche Filme gerade gut finden und welche nicht. Üblicherweise findet man dort dann auch die üblichen Verdächtigen. Ganz sicher ist dort die Star Wars Trilogie, meist die Matrix Filme, ein wenig Indiana Jones, selbstverständlich Titanic und in jüngerer Zeit Avatar, aber eben auch einige wenige Produktionen, bei denen sich das Arthouse und das Mainstreampublikum auf überraschende Art und Weise trifft. Das tut es beispielsweise in der Godfather-Trilogie, aber auch in Pulp Fiction (je nach Typus des gerade hinter dem Bildschirm sitzenden Hobbycineasten), und, seltsam genug in Citizen Kane. Ein Film übrigens, von dem ich mehr und mehr glaube, dass ihn eigentlich nie jemand wirklich gesehen hat. Zu viele der üblichen Arthouse-Clichés werden dort aufs beste bedient: überlang und langatmig bis zur Langweiligkeit. Lange in der Spielzeit ist auch Brian de Palmas Scarface, ein weiterer jener Filme, bei dem sich Kritiker und (männliches) Zielpublikum häufig einig sind im Hinblick auf ihre cineastische Qualität.

Freut sich der männliche Durchschnittszuschauer an der Testosteron geladenen Hauptfigur, seiner wehrhaften Brutalität, seiner familiären Integrität und nicht zuletzt an seiner Misogynie, so entzückt sich der zweite Zuschauerkreis an den Brüchen, die jene illustre Hauptfigur aufweist, die schonungslose Dekonstruktion des Drogenbarons als vollendeten Versager, von einem grandios arrangiertem Willen zum Scheitern – kurz: an einem Helden, der in seiner Auflösung nietzscheanische Züge trägt.
Dabei ist es faszinierend zu sehen, mit welcher Vehemenz der noch blutjunge Al Pacino in die Rolle seines Lebens findet. Alles, das seine späteren Paraderollen auszeichnen wird (eben: Godfather, Heat, Donnie Brasco um nur einige zu nennen), ist hier schon vollständig angelegt. Nur eben viel konsequenter durchgespielt als in den vielen weichgespülten Ganovenfilmen, die folgen werden.
De Palma erweist sich als grandioser Gradwanderer zwischen gekonnter Actioninszenierung und stringenter Verfolgung seines Konzeptes. Das aus heutiger Sicht etwas amüsant staffierte Setting der frühen 80er Jahre bildet dafür einen hervorragenden Rahmen. Es ist faszinierend zu sehen, mit welcher Härte de Palma Szenen stehen lassen kann ohne sie in der nachfolgenden zu entschärfen oder mit Übereifer schnell vergessen zu machen. Die geilen Blicke, die Scarface auf die Geliebte seines zukünftigen Bosses wirft, seine Kaltblütigkeit, mit der er sich vom Boss entledigt um diesselbe zu ehelichen, seine völlige Unfähigkeit zu echtem Gefühl, die schliesslich im Eklat im Nobelrestaurant mündet – all dies ist sehr genau gezeichnet und ohne jede Geschwätzigkeit wiedergegeben. Dabei sind es häufig kleine Details, mit denen de Palma noch einmal ein Ausrufzeichen setzt, etwa wenn die Scarfaces Leibwächter dem entsetzten Restaurantmanager ein paar Dollarscheine diskret für sein aufgemischtes Lokal zustecken. Oder die Tatsache, dass die in reichlicher Zahl vorhandenen Koksgefässe im Verlaufe des Films zu völlig unsinnig grossen Fässern anwachsen. Scarface stirbt zuletzt auf den Stufen seines Palastes , ermordet weil er letztlich in einem einzigen Moment die Logik des Systems durchbrach und selber eine Haltung bezogen hat. Das muss in der Logik der Drogenwelt tötlich enden und niemand ist sich dessen mehr bewusst als Scarface selbst. Die Schonung der Kinder als raffinierte Selbstmordart. 
IMDB
8.0 von 10

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