Martha

10:15

1974 


Erst spät habe ich meinen ersten Fassbinderfilm gesehen. „Angst Essen Seele auf“ war in meinen Augen ein zwar solider, aber alles in allem ein wenig angestrengter Film über unterschwelligen Rassismus und den Neid der Mitmenschen auf ein neues spätes Glück. Gerade diese Angestrengtheit erschien mir in diesem Moment einmal mehr als ein typisches Charakteristikum deutschen Kunsttums, vor allem, wenn es auf der Leinwand geschieht, und Fassbinder wanderte für einige Zeit wieder in die Schublade. Dann jedoch bekam ich „Welt am Draht“ in die Finger, einen Zweiteiler den Fassbinder für das deutsche Fernsehen nach der Novelle „Simulacrum“ anfertigte und in dem er den Bühnenschauspieler Klaus Löwitsch auf die Leinwand holte. Und auch wenn die Geschichte einige Schwierigkeiten besitzt, so gehört „Welt am Draht“ doch sicher zu den eindeutig besseren Science-Fiction-Filmen, eben gerade weil er, ähnlich wie z.B. auch Alphaville, eher eine innere Raumsuche als eine äussere betreibt. Und eine Film, der selbst noch im (viel schlechteren) Remake von Eichinger unter dem Titel „13th Floor“ funktioniert, verdient hohen Respekt. Mit Fassbinder war ich jedenfalls versöhnt, spätestens jedoch nach dem absolut grandiosen und mit Worten gar nicht genug zu lobenden Meisterwerk „Berlin Alexanderplatz“.

Nun als Martha. Ebenfalls für das Fernsehen produziert, aber lange Zeit nicht zu sehen, da aus irgendeiner Ecke ein Autor auftauchte und Rechte an dem Drehbuch einforderte. Ein lange, ermüdender Rechtsstreit entzog das Werk lange dem Publikum und erst als man sich auf eine Einblendung verständigte in der zu lesen ist, der Film bezöge sich auf Motive aus einem Roman eben jenes Autors, kam der Film heraus.
Fassbinder dreht mit kleiner Crew. Da gibt es Martha, eine Mittdreissigerin und, wie zu höhren ist, alte Jungfer, die auf einer Romfahrt ihren dominanten Vater verliert und, nachdem sie dem Heiratsantrag eines reichen und scheinbar gutmütigen Freiers ausschlägt, lieber einem starken und selbstbewussten Mann das Ja-Wort gibt. Schon bald stellt sich heraus, dass das Selbstbewusstsein nur der äussere Deckmantel eines perfiden Sadismus ist. Mit immer neuen, immer pefideren Methoden gelingt es ihm, Martha gefügig zu machen und ihr seinen unbedingten Willen aufzuzwingen. Eine Entwicklung, die ein schonungsloses Ende nimmt.
Nicht nur einmal kam mir beim Sehen des Films der Gedanke an Thomas Bernhard, im speziellen an seine Erzählung vom Kalkwerk. Hier wie dort gerät eine Frau in die subtile Foltermaschinerie ihres Mannes, hier wie dort liegt das wahre Grauen hinter der fein bürgerlichen Fassade.
Der Sadismus des Ehemanns wird zum Teil auch zum Zynismus des Regisseurs, vor allem im schockierenden, aber konsequenten Ende, da begegnen sich Bernhard und Fassbinder auf Augenhöhe. Aber dann hilft Fassbinder wieder sein grosses Improvisationstalent darüber hinweg, dass der Film steril geraten könnte. In einem erhellenden Interview mit dem Kameramann Michael Ballhaus, der später dann für Spielberg u.a. Schindlers Liste fotografierte, erhält man einen Einblick in diese Arbeitsmethodik. Es gelingen Bilder von spektakulärer Einmaligkeit, die in ihrer Verbindung von ästhetischer Brillanz und inhaltlicher Verdichtung atemberaubend sind. Allen voran natürlich in der 360°-Kamerafahrt um die späteren Eheleute bei ihrer ersten Begebung im Hofe der Botschaft. Noch mehr dann in einer späteren Szene: Martha wurde überredet, in der heissen Sonne zu baden ohne Sonnenschutz, schlief ein und wurde auch nicht erweckt. Nun liegt sie mit einem bösartigen Sonnenbrand, mehr schon einer Sonnenverbrennung am ganzen Körper ausgestreckt und nackt auf dem Bett des Hotels. Auf diesem geschundenen Körper vollzieht ihr Mann dann die Ehe. Und die Kamera schwenkt weg aufs offene Meer während man im Hintergrund nur die Schreie der vergewaltigten Frau höhren kann.
Ein äusserst eindrücklicher Film, der Fassbinder als absoluten Meister seines Faches ausweist, der aber auch, und dies sei vielleicht als letztes erwähnt, mit einer anderen Person versöhnt: Karlheinz Böhm. 
IMDB
9.0 von 10

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