Medea
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Irgend wie war es abzusehen, dass Lars von Trier irgendwie eine Medea machen musste. Einerseits überraschend, andererseits aber auch bemerkenswert konsequent und vorausschauend steht der Film jedoch eher am Anfang seiner filmischen Karriere als an deren Ende (oder als Wendepunkt wie bei Pasolini). Im Zusammenhang mit seinem jüngsten Werk, Antichrist, häuften sich einmal mehr die Renzensenten, die dem dänischen Regisseur Misogynie vorwarfen. Einen eher kalten Blick auf das Leiden der Protagonistin zeichnet auch Medea aus. Und doch sind die Akzente anders gesetzt. Lars von Trier lässt seine Medea zwar in historisierenden Kostümen auftreten, jedoch in der überwiegenden Anzahl der Fälle unter freiem Himmel. Schauplatz ist die majestätische Weite der dänischen Landschaft, ein Horizont der in seiner strikten Linearität kaum von einem Hügel unterbrochen wird (und wenn, dann bezeichnenderweise erst in der Schlusszene), eine Landschaft, in der Land und Wasser praktisch nahtlos in einander übergehen. Das hat in seiner Kargheit ganz eindeutige Parallelelen zum reduzierten Regietheater, aber auch zur Laboranordnung von Dogville. Gegenüber Dogville und allen anderen späteren Filmen von Triers geht dieser Medea jedoch noch jene subversive Ironie ab, mit der jede Szene mit einem hypothetischen Fragezeichen versehen wird. Diese Medea leidet, ist ganz und gar Rachegöttin. Soviel Haß kann kaum noch gesteigert werden. Und doch gelingt es von Trier dem größten Drama gewissermaßen noch die Krone aufzusetzen.
Der Kindermord geschieht auf kleiner Anhöhe über der weiten Ebene. Jason (Udo Kier), die Vergifteten fliehend, jagt im gestreckten Galopp hinaus. Schnitt. Auf dem Hügel steht ein einzelner kahler Baum, abgestorben und tot, nur noch mit Mühe zwei Äste zur Form eines grossen Ts erhebend. Nicht zufällig eine Reminiszenz an diverse Spaghettiwestern. Medea wird hier ihre Kinder erhängen, der ältere Sohn wird zuvor noch vielwissend sagen „Ich weiss, was geschehen wird.“ Und so nehmen die Dinge ihren Lauf, Naturgewalten gleich. Mit einem Male ist „Antichrist“ sehr nahe. Grosses Kino.
IMDB
8.0 von 10
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