Taxidermia
12:142006Taxidermia ist ein Episodenfilm über drei Generationen hinweg. Die erste spielt in einem ungarischen Landhaus, während offenbar das Militär an der Macht ist. Der Vorsteher des Hauses und der es bewohnenden Familie, ein Mensch im Rang eines Leutnants, gefällt sich daran, einen einfachen Soldaten, Morosgoványi Vendel, mit diversen Arbeiten auf dem Hof auf Trab zu halten. Morosgoványi, sexuell unausgelastet, versucht sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit Erleichterung zu verschaffen. Dabei bietet ein Loch in der Holzverschalung des Hauses mit Ausblick auf die Töchter des Leutnants eine erste Möglichkeit. Bald ist Schlachttag, bei der ein Schwein kunstvoll geschächtet und ausgenommen wird. Ein weiteres Objekt für Morosgoványi. In einer virtuosen Sequenz schneidet Pálfi nun den Körper des Schweines mit dem der Hausherrin gegen. Notwendigerweise ereilt den Missetäter die tödliche Rache des Leutnants. Dessen Frau bringt indessen einen gesunden Jungen zur Welt, wenn auch mit einem gewissen körperlichen Defizit: über dem Hintern des Jungen ringelt sich ein Schweineschwanz.
2. Episode. Der Junge ist erwachsen geworden. Balatony Kálmán hat aus seiner bereits in frühester Kindheit entdeckter Begabung eine Profession gemacht: Kálmán ist Schnellwettesser und kämpft um die Führerschaft in dieser Disziplin (und muss sich nur gegen den russischen Meister geschlagen geben). Aus der Liaison mit einer Meisterin in eben jener Sportdisziplin, entspringt Balatony Lajoska.
3. Episode. Lajoska ist erwachsen geworden und Präparator von Beruf. (Taxidermia = Ausstopfer). Sein Rhythmus führt ihn täglich an drei Orte: den Supermarkt, in dem er immer für den gleichen Betrag Butter und Schokoladenriegel in Unmengen einkauft (und nebenbei der Kassiererin schöne Augen zu machen versucht), sein riesiges Ladengeschäft, in dem er mit Hingabe Tiere in Schaupuppen verwandelt, und die Wohnung, in der sein mittlerweile auf monströse Masse angewachsener Vater gefüttert werden will und dabei nur abschätzige Worte für die fressenden "amerikanischen Amateure" findet, welche das Satellitenfernsehen in seine Stube bringt. Die Frau hat ihn schon vor langer Zeit nach den Staaten verlassen und so bleibt nur der Sohn, der sich um ihn angewidert kümmert und einige Katzen im Käfig, welche er freudig füttern lässt und welche ein waches Auge auf den vor lauter Essen bewegungsunfähig gewordenen Vater geworfen haben...Zunächst einmal sollte ein jeder eindringlich vor diesem Film gewarnt werden, der den Anblick expliziter sexueller Darstellungen nicht erträgt oder dem sich beim Schwelgen der Kamera in allerlei Innereien der Magen umdreht. (Auf der anderen Seite ist dem heutigen, Saw, Se7en und dergleichen gewohntem Publikum wohl der Film ohne weiteres zuzumuten).Ich muss zugeben, dass mich Taxidermia ein wenig ratlos zurückgelassen hat. Mir ist noch nicht klar, worin die Absicht Pálfi in letzter Konsequenz besteht, und so muss ich mich mit einigen Annäherungen behelfen. So ist beispielsweise unschwer zu sehen, dass die drei Epochen, in denen der Film spielt, gleichsam die drei politischen Systeme, unter denen Ungarn regiert wurde, verkörpert. Dies liesse sich in diversen kleinen Bösartigkeiten festmachen, ist aber vor allem in der 2. Episode evident. In einem Kommentar wurde sogar der fette Wettkämpfer mit dem "fetten Vorzeigekandidaten" des Ostblocks verglichen, welches Ungarn zu jener Zeit fraglich war.Zu dieser Ebene kommt fraglose der zweifach durchgespielte Vater-Sohn-Konflikt hinzu, welcher jeweils dazu dient, die zeitlichen Epochen zu überbrücken. Sowohl Kálmáns leiblicher wie gesetzlicher Vater dienen wohl kaum zum Vorbild und haben wohl massgeblichen Anteil an seiner psychischen Deformation ("einmal wollte ich in einer Schokoladenfabrik ein Mädchen beeindrucken, und da ich nichts anderes konnte, ass ich bei der kostenlosen Verkostung mehr als anderen - das war der Beginn von allem"). Kálmán selbst, wiewohl theoretisch durchaus zu romantischen Gefühlen in der Lage, kann jene jedenfalls nicht weitergeben. An der Stelle sollte vielleicht erwähnt werden, dass auch die Zeugung Lajoskas nicht unbedingt auf Kálmán zurückzuführen ist, und wir es deshalb wohl auch mit einem zweifachen Bastard zu tun haben.
Taxidermia ist natürlich auch eine Geschichte über den Körper und den Körperkult, das Fleischliche, die Fleischeslust an sich. Das ist natürlich zunächst einmal ganz banal wörtlich zu verstehen in der 1. Episode, die Lust an der sexuellen Vereinigung mit was-auch-immer. Dann in der 2. Episode als nicht enden wollende Lust, dieses Fleisch in sich aufzunehmen, mehr, immer mehr, auch wenn man sich auf dem Weg zur völligen Aufnahme immer wieder von Teilen entledigen muss. Lajoska schliesslich steht für die Lust am Körper selbst, für die Lust die beim Betrachten der Form entsteht und folgerichtig muss er seine künsterlische Ader schliesslich bis zur äussersten Konsequenz führen.Der Film entzieht sich einer eindeutigen Deutungsebene. Leicht liessen sich Vorbilder benennen, jene schon erwähnten auf einer oberflächlicheren Ebene, Bunuel, Jodorowsky und Greenaway auf einer etwas höheren Ebene. Pálfi bietet einem starken Tobak in unglaublich perfekten Bildern an. Dazu ein, zwei Kamerafahrten wie ich sie in letzter Zeit nur bei dem ebenfalls ungarischen Bela Tarr gesehen habe. Während Tarr jedoch streng analog operiert, verlässt sich Pálfi eher auf seine Digitalabteilung. Wie werden von diesem Menschen noch hören.
IMDB
7.5 von 10
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