Epidemic
11:06(1987)Zwei Drehbuchautoren arbeiten an einem Skript für einen Film, welches sie dem dänischen Filminstitut vorlegen möchten. Fünf Tage vor der geplanten Übergabe führt eine Computerpanne dazu, dass der Text nicht mehr lesbar ist. Die beiden Autoren sehen sich ausser Lage, den Text aus dem Gedächtnis zu rekonstruieren. So kommen sie auf die Idee zu einem Projekt. Die ersten Buchstaben, welche auf der Schreibmaschine angeschlagen werden und den Titel des Films formen werden, prägen sich in der linken oberen Ecke des Bildschirms gleich einem Signet, oder einem "Brand", in das Bild ein.
Die Geschichte, welche nun erdacht wird, von einer ausbrechenden Epidemie, welche immer schneller den gesamten Erdball erfasst, findet ihre erstaunliche, und wie schnell versichert wird, völlig zufällige Parallele in der Realität.
Die fiktive Dokumentation der beiden Drehbuchautoren (gespielt von den beiden "echten" Urhebern von Trier und Vorsel), grob auf 16mm fotografiert, wird dabei immer wieder von Ausschnitten des späteren Filmes, wesentlich feiner auf 35mm produziert, unterbrochen.
Das Finale wird dabei zu einer virtuosen Durchmischung der beiden Ebenen. Von Triers Mittelstück seiner "Europa"-Trilogie ist eine gute Einführung in das Denken dieses Regisseurs. Praktisch alle seine späteren Themen, die er später perfektionieren und destillieren wird, sind hier schon vorhanden, wenn auch grober und unvermittelter nebeneinander gestellt. Das oberflächliche Sujet eines dystopischen Katastrophenfilmes, vermengt mit der Dokumentation der Schreibproblematiken der beiden Autoren ist dabei nur eine, und wahrscheinlich nicht einmal die am besten funktionierende Ebene.Interessant wird von Trier in den Details, in einigen wunderbaren Miniaturen, die von grossartiger Blödelei bis zu tief sitzendem Zynismus reichen. Ersteres zum Beispiel wenn die beiden Autoren dem Geheimnis der rot-weiss gestreiften Signalzahnpasta auf den Grund kommen wollen, letzteres etwa in der Szene des schwarzen, sterbenden Predigers, der in einem epischen Gebet beschwört, dass alles, was ein "Nigger" benötige, nur "a nice pair of black shoes, a tight pussy and a warm place to shit" sei. Dazu erklingt dann Wagners Tannhäuser-Ouvertüre and im Hintergrund formt sich eine Gemeinde um den Prediger, allesamt im schwarzen Wasser stehend. Darin lässt sich dann auch wieder eine Spiegelung zu einer früheren Szene sehen, in der die beiden Protagonisten von einem deutschen Freund zu einem Kölner See geführt werden, in dem sich die Einwohner beim letzten Bombardement vor den Phosphorbomben der Engländer in Sicherheit gebracht haben.Überhaupt sollte man bei von Trier immer auf der Hut sein, bedacht, nicht in seine Fallstricke zu tappen. Kritik scheint an jeder Stelle durch, jedoch sanft und schwer zu fassen.
Der Held des Film etwa, ein Arzt, zieht aus der sicheren Stadt aus, um, wie er glaubt, die Menschen auf dem Land heilen zu können. Die Warnungen der Kollegen schlägt er aus und wird so der eigentlich Grund zur Verbreitung der Seuche.
Nicht nur Wagner und die Reise nach Deutschland, auch die generelle Skepsis am missionarischen Eifers des Helden (oder dessen deutscher Name: Dr. Mesmer) lassen natürlich auch eine Parallele zu den traumatischen Ereignissen in Europa zu. Diese bleiben jedoch unklar vage, ständig gebrochen.Vielleicht ist von Trier in "Epidemic" noch nicht bei seiner Höchstleistung angelangt, wie man an einigen Lücken und (gewollt?) unklaren Anschlüssen sehen kann. Dafür wirft einem der Regisseur in fast jeder Szene ein beeindruckendes Können entgegen. Zuletzt sei noch darin erinnert, wie Vorsel von seinen minderfährigen Brieffreundinnen in Atlantic City erzählt, gleichsam als Vorbereitung zum brillianten Schluss. Während sich die beiden in Schale zum Dinner werfen, rezitiert von Trier vor dem Spiegel Taxi Driver. IMDB 8.0 von 10
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