Avatar
15:21(2009)
Dies ist es nun also gewesen. Hollywoods next Big Thing. Man munkelt von mehreren hundert Millionen Dollar Produktionskosten und schon am fulminanten Startwochenende war klar, dass Camerons neuester Film seinen hohen finanziellen Erwartungen wohl gerecht werden wird.
Erzählt wird die Geschichte des querschnittsgelähmten Marines Jake Sully (Sam Worthington), welcher anstelle seines verunglückten Zwillingsbruders auf den Planeten Pandora entsandt wird. Pandora ist neben allerlei biologischen und zoologischen Merkwürdigkeiten von einer menschenähnlichen, jedoch drei Meter großen und sympathisch blau gefärbten Rasse, den Nav'i, bevölkert. Das menschliche Interesse an Pandora beschränkt sich freilich eher auf die Ausbeutung kostbarer Rohstoffe, welche tief unter der Planetenoberfläche liegen. Um den primitiven Wilden überzeugende Argumente gegenüber zustellen, befinden sich neben diversen Abbauroboter auch starke militärische Kräfte auf Pandora. Um doch noch eine diplomatische Lösung herbeizuführen, arbeitet die Wissenschaftlerin Dr. Grace (Sigourney Weaver) an biologischen Lebensformen, den Nav'i äußerlich gleich, jedoch von ferne durch die Gedankenkraft eines Menschen geführt. Jake lernt in der Gestalt seines Avatars ,wie man so sagt, Land und Leute kennen und lieben, letzteres im besonderen im Hinblick auf die aparte Häuptlingstocher Neytiri (Zoe Saldana). Es kommt wie es kommen muss. Die diplomatische Lösung scheitert, die Menschen setzen ihre Armee in Gang. Doch in einer letzten Schlacht erheben sich die Nav'i gegen den äußeren Feind...
Man könnte James Cameron an dieser Stelle eine Menge vorwerfen. Sicher, die schwache, an der Grenze zum Schwachsinn operierende Story, ein Regisseur und Drehbuchautor der sich eindeutig mehr an seinen – zugegeben großartigen – visuellen Reizen erfreut als an Handlungssträngen. Das würde auf der anderen Seite aber verkennen, mit welcher atemberaubenden Professionalität hier dilettiert wird. Andere haben schon versucht nachzuweisen, dass ein großer Erfolg von Star Wars darin lag, möglichst weither geholte, jedoch altbekannte Erzählmuster zu repetieren und in ein neues Setting zu überführen. Avatar führt diese Methode zur Meisterschaft. Wenngleich bei Cameron die Repetition gleich zweifach geschieht: auf erzählerischer Ebene (Star Wars), aber auch auf der Ebene der Bildsprache, die zur Zitatensammlung nicht nur von Camerons eigenem früheren Schaffen, als auch einem Großteil der populären Filmgeschichte wird. Letzteres erinnert eher an die Versuche von Quentin Tarantino. Einige Beispiele: natürlich wird da im eigentlichen Sinne ein Western erzählt, man erfährt von männlichen Inauguralriten, Pferde müssen da eingeritten werden. Auf der Bildebene könnte man das Avatar-Labor aus Alien, den Kampfrobotor von Jakes Widersacher aus Terminator, der Anflug der Hubschrauber natürlich aus Apocalypse Now entlehnt sehen. Selbst die fliegenden Felsen mag man schon in japanischen Mangas gesehen haben.
Genau an diesem Punkt beginnt Avatar dann aber doch interessant zu werden. Nicht obwohl, sondern gerade weil auch dem letzten im Publikum die Handlung von Anfang an bis in die Kameraeinstellung bekannt sein dürfte, weil jede Seitenhandlung, beinahe jeder Dialogsatz schon einmal gesprochen wurde, ist Avatar erfolgreich im Versuch, das Publikum in jene fremde Welt zu ziehen. Denn was auch immer an Ungetümen aus diesen Wäldern kommen wird, sechsbeinige Pferde oder vieläugige Drachen – diese Welt ist vertraut, dort fühlt man sich wohl, und deshalb sind hier auch die ökologischen Eingeborenen die Guten und die technisch hochgerüsteten Menschen die Bösen. Die Parallelen zum Irakkrieg sind überdies so eindeutig, dass sie kaum erwähnt werden müssen (Colonel: „We gonna fight their terror with terror!“; überhaupt der Einsatz der „Drohnenrobotern“, um einen entscheidenden Vorteil zu gewinnen).
Ganz zum Schluss wirft der Film dann aber doch noch eine interessante Frage auf.
SPOILER Der menschliche Jake ist schwer verletzt. Neytiri bringt ihn zusammen mit seinem blauen alter Ego zu einer rituellen Heilzeremonie, an welcher das gesamte Volk der Nav'i rituellen Anteil nimmt. Beide Körper liegen aufgebahrt unter einem wundertätigen Baum. Natürlich erwacht Jake in seinem neuen Leben, seinem neuen, blauen, lauffähigen Körper auf – so wie es seine Gefährtin erwartet und wohl auch wünscht. In dieser scheinbar harmlosen Schließung des Kreises, der Aufgabe des alten Körpers steckt jedoch auch zugleich die Aufgabe eines, wenn man so will, alten romantischen Ideals: der Liebe um ihrer selbst willen, ungeachtet der Herkunft, des Status und der möglichen körperlichen Defizite. In der Schlussszene wird James Cameron, das Publikum wird sich der Dimension kaum bewusst sein, auf eine ziemlich bösartige Weise ehrlich.
IMDB 6.0 von 10
0 Kommentare