Wir
02:25In einer fernen Zukunft lebt die Menschheit unter dem Schutz des "Einen Staates" unter Führung des "Beschützers". Die Wände diesen Staats bestehen aus Glas. Die Aussenwelt wird durch eine hohe Mauer abgeschirmt. Die Menschen haben ihre Individualität aufgegeben. Statt Namen kennnzeichnen Kombinationen aus Buchstabe und Zahlen die Mitglieder der Gesellschaft. Das tägliche Leben wird durch einen präzisen Arbeitsplan rhythmisiert. Sowohl der Ablauf der morgendlichen Dehnübungen, die Anzahl der Kaubewegungen am Mittagstisch und die Häufigkeit und Emotionalität des Beischlafes werden fremdbestimmt. Die Einhaltung des Planes wird streng überwacht, Verstösse streng bestraft. Der Protagonist der Handlung, D-503, ist Chefingenieurs eines Raketenprojektes, mit dem der Eine Staat sich anschickt, auch die ausserplanetarischen Welten unter seine Ideologie zu zwingen. Seine Erlebnisse fasst er in tagebuchartigen Skizzen zusammen. Seit Kurzem quälen ihn jedoch, völlig untyptisch für einen Bewohner des Einen Staates, Albträume. D-503 wird eines Tages von der attraktiven I-330 angesprochen, die ihn mit ihrem durch und durch unkonformistischen Handlungen zugleich abstösst wie fasziniert. I-330 führt D-503 in die Alte Villa, dem einzigen Gebäude, dessen Wände nicht aus Glas bestehen und aus musealen Gründen bei der Revolution als abschreckendes Beispiel auch nicht zerstört wurde. Von der Villa führt ein Geheimgang in die Welt ausserhalb des Einen Staates. Dort plant eine Gruppe freier Menschen den Sturm auf die Grenzmauer. Der Staat lässt unterdessen das Gehirn aller seiner Bewohner bestrahlen, um jegliche Fantasie in ihnen auszurotten. D-503 wird der nächste Kandidat sein…
Der Film folgt anscheinend relativ präzise der Romanvorlage von Yevgeny Zamyatin (1921). Das Erscheinungsdatum des Romans ist bemerkenswert, darf er doch als Vorlage diverser dystopischer Werke des 20. Jahrhunderts gelten, wie 1984 (erstmals 1956 verfilmt), Brave New World (1932) oder Fahrenheit 451 (1966), um nur zwei Beispiele zu nennen. Der Text wurde aus Russland geschmuggelt und erstmals in Prag verlegt, fand aber seinen Weg über Umwege wieder zurück in die Sowjetunion. Zamyatin musste bei Stalin persönlich verstellig werden. Erstaunlicherweise wurde ihm die Ausreise nach Paris erlaubt, wo er 1937 einem Herzanfall erlag. Vojtěch Jasný wiederum ist ein tschechischer Emigrant, der 1970 sein Heimatland verliess. "Wir" entstand für das deutsche Fernstehen Anfang der 80er Jahre. Technisch wahrscheinlich schon in der 80er Jahren nicht mehr auf der Höhe der Zeit, erinnert der Film über weite Teile an eine Theatersinszenierung, die gläsernen Wände aus Plexi, welche die Räume der Bewohner umschliessen entmaterialisieren den Raum, in dem vor schwarzem Hintergrund nur noch die Charaktere selbst und die sie umgebenden Requisiten sichtbar sind. Gewissermassen ein Dogville avant Lars von Trier.
Die dystopische Kraft der Vorlage ist heute noch bestechend, die Idee des gläsern umhüllten Menschen Realität geworden. So wirkt aus heutiger Sicht allenfalls die Möglichkeit eines Ausweges in der technikfremden Natur naiv (wenngleich auch die Bildparallele mit dem Manet'schen Picknick
im Wald zu gefallen mag). Das Cast ist grossartig, sowohl Dieter Laser als D-503, Sabine von Maydell als I-330, als auch Gert Haucke als auf ekelhafte Rollen abonnierter S-4710.
Die Begegnung des Helden mit dem "Beschützer" hätte kraftvoller ausfallen können. Generell fehlt dem Herrn in diesem Reich die diabolisch technizistische Komponenten des fachistoiden Führergottes, dessen Finger auf dem Gaskammerknopf über Leben und Tod entscheidet.
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