The Elephant Man
14:101980
Das erinnert natürlich ein wenig an Shylock aus dem Kaufmann von Venedig. Und der grosse humanistische Pathos, den Shakepeares Krämer einfordert, trifft ja im eigentlichen Sinne noch viel stärker auf den Elefantenmenschen zu. Interessant ist dennoch, dass diese Szene funktioniert und ich kann sie mir nur durch die unglaubliche amerikanische Fähigkeit zur Synthese erklären. Denn einerseits dreht Lynch hier einen Film, der in vielem an europäische Vorbilder erinnert, andererseits gelingt es ihm jene europäische Form der ideellen Dogmatik, die vor allem jüngere deutsche Filme durchweht, um Haaresbreite zu umschiffen. Lynchs grösstes Vorbild, und deshalb sei dieser Vergleich durchaus erlaubt, ist ganz ohne Zweifel Fritz Langs Meisterwerk M. Und so ist John Merrick in dieser Szene wohl eher ein Hans Beckert, jenem Kindermörder, der vor einem Gericht aus Dieben steht und sich verteidigt mit den Worten: "Wer seid ihr eigentlich? Kriminelle? Seid Ihr stolz auf euch?"
Man kann Lynchs Film vielleicht vorwerfen ein wenig einseitige Charaktere entwickelt zu haben, dass die Handlung am Anfang zu sehr von den voyeuristsichen Schockelementen für den Kinogänger nach vorne getrieben wird. Am stärksten sind eher die kleinen Details, wenn sich etwa Merrick, eingeladen in die Wohnung von Treves erkundigt, wo den die lieben Kinder, die er auf den Fotos am Kaminsims sieht, jetzt seien – und Treves eine schlechte Lüge einschieben muss.
Auch möchte ich noch bemerken, welches Glück Angelo Badalamenti für den späteren Lynch gewesen sein muss. Leider vergreift sich Lynch im Elephant Man bisweilen doch sehr deutlich. Als Merrick in seiner Dachstube ein Modell des gegenüberliegenden Domes baut, wird das Ohr doch tatsächlich mit Samuel Barbers Adagio for Strings gefoltert, dem absoluten Garanten für ein Auspacken der Taschentücher im Zuschauersaal. Die Musik gibt der ganzen Szene etwas bemüht Rührseliges, die ihr nicht gut steht.
Dennoch: ein guter Film.
0 Kommentare