The Elephant Man

14:10

1980

IMDB 8.0 von 10

The Elephant Man ist David Lynchs zweiter abendfüllender Spielfilm gewesen. 1980 vollständig in SchwarzWeiss gedreht zeigt er noch wenig von jenen immer komplexer werdenden Traumwelten zwischen Realität und Imagination, welche Lynchs späteren Werke auszeichnen werden. Hier ist die Perspektive noch völlig klar aufgeteilt zwischen Betrachter und dem Betrachteten. Der betrachtete Gegenstand ist im vorliegenden Fall die titelgebende Figur, ein schrecklich entstellter Mensch names John Merrick, der auf Jahrmärkter zur Belustigung und sublimen Erschreckung des Publikums herum gezeigt wird. Ein zwielichtiger Schausteller führt gruselwillige Besucher in einem höhlenartigen Raum die menschliche Sensation vor. Eines Tages wird der Arzt Frederick Treves auf ihn aufmerksam wird. Treves bringt Merrick in ein Londoner Spital, in dem er als Chirurg praktiziert. Treves anfängliche Motive, die aussergewöhnliche Kuriosität wissenschaftlich untersuchen zu können (und aus deren Veröffentlichung persönliches Kapital zu schlagen) weicht zunehmend humanistisch motivierten Beweggründen, um Merrick dem Schausteller zu entziehen und ein, wie man so schön sagt, menschenwürdiges Umfeld zu ermöglichen. Merrick bleibt also Gast in der Mansarde des Londoner Spitals. Natürlich kann ein solcher Patient nicht ohne Folgen bleiben. In der Folge werden verschiedenste Personen versuchen, aus Merrick Kapital zu schlagen. Ein Nachtwächter verkauft nächtliche Touren zum Monster im Turm an zahlungsfähige Kneipengänger. Die Londoner Gesellschaft gefällt sich darin, ihre Grösse und ihren Geschmack zu demonstrieren, in dem sie Merrick zu allerlei Ereignissen der Gesellschaft einlädt. Und Merrick ist ein Ereignis für London. Ein solch grosses, dass sein Aufenthalt letztendlich sogar der Königin zu Gehör kommt, deren Wohlgefallen dafür sorgt, dass die Eitelkeit der Londoner Ärzte für Merrick eine dauerhafte Bleibe im Spital bereitstellt. Auch der Schausteller hat sich mit dem Verlust seiner Einnahmequelle nicht abgefunden und entführt Merrick nach Frankreich. Dort aufs schwerste physisch misshandelt, gelingt Merrick die Flucht zurück nach London. In eine Maske gehüllt versucht er zurück ins Londoner Spital zu gelangen. In einer grandiosen Szene reisst der Mob, aufgebracht durch seine seltsamen Bewegungen und seinen Unwillen zu sprechen, Merrick die Maske vom Leib. Verschreckt von der Menge, versucht Merrick zu fliehen, wird aber von der Menschenmasse eingekreist und mehr und mehr in die Enge gedrückt. Merrick schreit in höchster Verzweiflung: "I am not an animal! I am a human being! I … am … a man!"

Das erinnert natürlich ein wenig an Shylock aus dem Kaufmann von Venedig. Und der grosse humanistische Pathos, den Shakepeares Krämer einfordert, trifft ja im eigentlichen Sinne noch viel stärker auf den Elefantenmenschen zu. Interessant ist dennoch, dass diese Szene funktioniert und ich kann sie mir nur durch die unglaubliche amerikanische Fähigkeit zur Synthese erklären. Denn einerseits dreht Lynch hier einen Film, der in vielem an europäische Vorbilder erinnert, andererseits gelingt es ihm jene europäische Form der ideellen Dogmatik, die vor allem jüngere deutsche Filme durchweht, um Haaresbreite zu umschiffen. Lynchs grösstes Vorbild, und deshalb sei dieser Vergleich durchaus erlaubt, ist ganz ohne Zweifel Fritz Langs Meisterwerk M. Und so ist John Merrick in dieser Szene wohl eher ein Hans Beckert, jenem Kindermörder, der vor einem Gericht aus Dieben steht und sich verteidigt mit den Worten: "Wer seid ihr eigentlich? Kriminelle? Seid Ihr stolz auf euch?"

Man kann Lynchs Film vielleicht vorwerfen ein wenig einseitige Charaktere entwickelt zu haben, dass die Handlung am Anfang zu sehr von den voyeuristsichen Schockelementen für den Kinogänger nach vorne getrieben wird. Am stärksten sind eher die kleinen Details, wenn sich etwa Merrick, eingeladen in die Wohnung von Treves erkundigt, wo den die lieben Kinder, die er auf den Fotos am Kaminsims sieht, jetzt seien – und Treves eine schlechte Lüge einschieben muss.

Auch möchte ich noch bemerken, welches Glück Angelo Badalamenti für den späteren Lynch gewesen sein muss. Leider vergreift sich Lynch im Elephant Man bisweilen doch sehr deutlich. Als Merrick in seiner Dachstube ein Modell des gegenüberliegenden Domes baut, wird das Ohr doch tatsächlich mit Samuel Barbers Adagio for Strings gefoltert, dem absoluten Garanten für ein Auspacken der Taschentücher im Zuschauersaal. Die Musik gibt der ganzen Szene etwas bemüht Rührseliges, die ihr nicht gut steht.

Dennoch: ein guter Film.

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